Ethik des Wohlstandes ist Verantwortung Vor 100 Jahren starb der Spinnerei-Fabrikant Arno Meister. Seine Baumwoll¬spinnerei in Erdmannsdorf wird abgerissen, im Ort ist ein Denkmal geplant. Der Gastbeitrag erinnert an einen familiär und sozial engagierten Unternehmer. Ja doch! Wir haben allen Grund, sei¬ner zu gedenken: Vor einhundert Jahren, am 2o. Februar 1917, starb Heinrich Arno Meister. Er fiel einem seltsamen Unglück zum Opfer: Als er unweit seiner Wohnung „an der Post vorüberging, fiel ein Eiszapfen vom Dach und traf ihn tödlich am Kopf“. So steht es im Kirchenbuch zu lesen. Damit ging seine 47 Jahre währende segensreiche Wirksam¬keit für Erdmannsdorf zu Ende. 45 Jahrelang hat er hier gewohnt. Er starb im Alter von 77 Jahren, sie¬ben Monaten und 18 Tagen, ist also 1839 geboren. Er ist das vierte Kind aus der dritten Ehe des Burgstädter Kantors Christian August Meister und wurde in die Freuden und Lei¬den einer Familie hinein geboren. Von den elf Kindern aus der ersten Ehe seines Vaters waren 1839 noch drei am Leben, von den drei Kindern aus der zweiten Ehe nur noch eins. Vielleicht haben genau diese Fami¬lienerfahrungen zu seiner Haltung geführt, soziale Bindungen zutiefst zu bejahen. Seine Mutter lebte als Witwe zehn Jahre lang in Erd¬mannsdorf, gepflegt von der Tochter seiner Stiefschwester. Drei Enkeln einer Stiefschwester galt seine Für¬sorge für deren Ausbildung. 1853 wird Arno Meister konfir¬miert. Im Kirchenbuch wird ver¬merkt, dass er die Schule mit „vor¬züglichen Leistungen“ absolvierte. Er erhielt eine kaufmännische Aus¬bildung in der Firma Tetzner und Sohn in Chemnitz. Dort war er wohl auch weiterhin tätig, bis er am 1. Juli 1865 eine kleine Garnhandlung in der Langen Straße in Chemnitz er¬öffnete. Im gleichen Jahr schloss er die Ehe mit Clara Emilie geb. Holz¬müller aus Lengefeld. Hier ist folgendes nachzutragen: Sein älterer Bruder Moritz Anton Meister (1833 bis 1918) wurde zu¬nächst wie der Vater Lehrer, aber durch ein Halsleiden aus dieser Laufbahn geworfen. So lag es für ihn nahe, sich an den Geschäften seines jüngeren Bruders zu beteiligen. Das Startkapital für ihr Unternehmen stellten ihrer beider Schwiegerel¬tern zur Verfügung. Die Schwierig¬keiten, die die Garnhändler mit ih¬ren Lieferanten hatten, legten den Gedanken nahe, die Garne, die sie verkaufen wollten, auch selbst zu produzieren. So erwarben sie 1869 „Fischers Etablissement“ (Spinnerei Werk I), bereits 1872 wurde der Betrieb um das spätere Werk II erweitert, 1874 kam für kurze Zeit eine Be¬triebsstätte in Wiesa (bei Annaberg) hinzu. Arno Meisters Tochter Maria Magdalena starb 1871 im Alter von fünf Jahren. Danach blieben beide Brüder kinderlos. Deshalb wurde 1892 der Betrieb in eine Aktienge¬sellschaft auf der Basis einer Famili¬engründung umgewandelt. Damit sollte gewährleistet werden, dass der Betrieb auch nach dem Tod der bei¬den Brüder weitergeführt würde. Es wurden 45o Aktien zu je looo Mark ausgegeben. In mancherlei Veränderungen, über die in der Chronik „8oo Jahre Erdmannsdorf“ berichtet wird, be¬stand der Betrieb bis 1991. Dann wurden die Maschinen demontiert und wenig später die ersten Neben¬gebäude abgebrochen. Freilich erin¬nern uns viele andere Gebäude an das segensreiche Wirken der Gebrü¬der Meister: Die „Kinderbewahran¬stalt“ (Kindergarten) und Gemeindediakonie, die Turnhalle und auch die Friedhofshalle sind ihren Stif¬tungen zu verdanken, ebenso der Al¬tar der Erdmannsdorfer Kirche. Selbst am Schulbau 1898 waren sie mit 10.000 Markbeteiligt. 37 Wohn¬gebäude mit 172 Wohnungen lie-ßen sie für ihre Belegschaft bauen - unter anderem an der Neuen Gasse, der Uferstraße, der Meisterstraße, der Chemnitzer Straße, der Friedhofsstraße, der Alten Dorfstraße sowie an der Kunnersdorfer Straße. Die Mieten waren so berechnet, dass sie „reichlich 2,4 Prozent Kapitalverzinsung“ einbrachten. „Mehr als die Sozialgesetzgebung des Deutschen Reiches seit 1883 vorschrieb, taten sie für ihre Beschäftigten“, steht in der Ortschronik zu lesen: Aus einem „Wohlfahrtsfonds“ wurden Krankengeld (26 Wochen), ärztliche Behandlung und Apothekenkosten für die Beschäftigten und sämtliche Familienangehörige bestritten. Die Fabriksparkasse zahlt ein Prozent mehr Zins als die Öffentlichen Sparkassen. „Alte Arbeiter erhalten Pension, und heiratende einen Hausrat je nach Wunsch“, berichtet Pfarrer Stiehler. Bis 1944 wurden 2 00 Mitarbeiter für ihre 30-,40- und 50-jährige Werkszugehörigkeit geehrt und erhielten eine Prämie. All das erinnert uns an die Hochschätzung der beiden Brüder für familiäre und soziale Bindungen. Sicher fällt es älteren Bewohnern in Erdmannsdorf nicht leicht einzusehen, dass nur der Abriß und die Entsorgung der nicht mehr nutzbaren Gebäude infrage kommt, um „Schandflecken zu beseitigen`, wie es heißt. Trotzdem tun wir vielleicht gut daran, das Wirken der Gebrüder Meister in größere Zusammenhänge zu stellen: Nach den napoleonischen Kriegen hatte Sachsen 1815 etwa 58 Prozent seiner Fläche und 42 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Die sächsische Geschichte ist danach im wesentlichen Wirtschafts- und Kulturgeschichte, was man sehr gut im Industriemuseum in Chemnitz sehen kann. Hans Heinrich von Könneritz, der 1822 das Rittergut Erdmannsdorf kaufte, erhält als Botschafter in Paris den Auftrag, „die gesetzlichen und institutionellen Maßnahmen zu beobachten, durch die Handwerk und Industrie gefördert werden“. Sein Einsatz für die Ansiedlung von Industrie im Ort verwundert deshalb nicht. Doch nicht jeder Start war von Dauer. Wir lesen mehrere Namen: 1820 Wiede, 1822 Gebrüder Dietrich, 1831 Strauß und Morell, 1837 Lehmann und Hütter,1840 Julius Maximilian Fischer, 1858 David Friedrich Schneider. 1869/72 erst beginnt mit der Übernahme durch die Gebrüder Meister ein Werk, dem längere Dauer beschieden ist. Auch das endete schließlich 1991 mit der Abwicklung. In einem Vortrag im Deutschlandfunk hat der Autor, Journalist und Politikwissenschaftler Raul Zelik das ökonomische Weltsystem beschrieben, das dabei sei, sich zu Tode zu siegen. „Es hat die gesamte Weltbevölkerungen aus ihren traditionellen Bindungen herausgebrochen, ist jetzt aber nicht in der Lage, diesen Menschen einen neuen Platz zu bieten, so Zelik. Er betont die Bedeutung fester sozialer Bindungen als Grundlage der menschlichen Existenz und verweist auf die sogenannte Care-Ethik = eine Moralphilosophie des Sorgens, bei der es darum geht, das Geflecht sozialer Bindungen zu bewahren. EINE KLEINE GEDENKVERANSTALTUNG findet heute (…. das war dann der 20.02.2017) ab 17 Uhr auf dem Friedhof in Erdmannsdorf statt, wo Arno und Moritz Meister begraben sind. Der Ortschaftsrat sucht unterdessen weiter nach einem würdigen Platz für eine Meister-Büste. Der Autor Bernd W. Wegert (75) ist Pfarrer im Ruhestand und lebt seit 1981 in Erdmannsdorf. Damals übernahm er nach 13 Dienstjahren in Jahna und Hof in der Oschatzer Pflege die Stelle des Gemeindepfarrers in Erdmannsdorf. 1999 ging er in den Ruhestand. Wegert war 15 Jahre lang Mitglied des Augustusburger Stadtrates. Für den Text konnte er auf die Recherchen des 2008 verstorbenen Heimatforschers Manfred Wild aus Erdmannsdorf zurückgreifen. (mbe)