Raumfahrt "Das Leben geht weiter" Auf ihrem Erstflug verglühte die Ariane 5 in einem Feuerball - ein schwerer Rückschlag für die erfolgverwöhnten Europäer. Die neue Trägerrakete, schubstärkste der Welt, bietet der Betreibergesellschaft Arianespace die einzige Chance, im heißumkämpften Satellitengeschäft gegen Amerikaner und Russen zu bestehen. Mit der Schubkraft von zwölf startenden Jumbo-Jets hob Europas neue Superrakete vom Boden ab. Zufrieden genoß der französische Astronautenveteran Jean-Pierre Haigneré das "lange erwartete Schauspiel". Nur schade sei es, bedauerte Haigneré, der vor drei Jahren mit der russische Raumstation Mir die Erde umkreist hatte, "daß an der Spitze der Rakete jetzt keine Menschen ins All getragen werden". Sie wären nie oben angekommen. Schon wenige Sekunden nach dem Start am Dienstag letzter Woche kippte die Ariane 5 steil nach vorn weg. Um zu verhindern, daß die torkelnde Rakete auf bewohntem Gebiet einschlägt, löste der diensthabende Sicherheitsingenieur im Raumfahrtzentrum Kourou per Funkbefehl die Notsprengung aus. Am Tropenhimmel erstrahlte eine künstliche Sonne. Aus dem Feuerball stoben glitzernde Flammengarben. Minutenlang regneten die glühenden Trümmer auf die saftig-grünen Mangrovensümpfe der ehemaligen französischen Sträflingskolonie Guayana nieder. Im Beobachtungszentrum Toucan, vier Kilometer Luftlinie vom qualmverhangenen Starttisch Ela 3 entfernt, brach nach dem Fehlstart hektische Betriebsamkeit aus. "Alle Mann in die Busse", befahl Eric Berton, 25. Der im Hauptberuf für die französische Raumfahrtagentur CNES tätige Nutzlastingenieur hatte sich für den Ariane-5-Jungfernflug als Betreuer der eigens nach Südamerika gejetteten Ehrengäste und Journalisten gemeldet. "Viel Arbeit" hatte Berton erwartet, "aber nicht solchen Streß", den ihm die nun erforderliche Evakuierung abverlangte. Blaß und verstört wirkten die Insassen der Busse. Einige VIPs hatten Schwierigkeiten, die Gasmasken aus den mit Tesaband verklebten Behältern zu kramen und aufzusetzen. Die Klimaanlagen waren ausgeschaltet, die Fenster geschlossen, damit keine giftigen Gase ins Fahrzeuginnere gelangten, die sich bei der Explosion der Raketentreibstoffe gebildet hatten. Bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit verwandelten sich die Transporter in stickige Brutkästen. Knapp eine halbe Stunde dauerte die Flucht-Fahrt der Ehrengäste zum zehn Kilometer vom Beobachtungsturm entfernten, sicheren Kontrollzentrum. Immer wieder passierten die Busse Gendarmen und Feuerwehrmänner, die mit Gasmasken geschützt die Ausfallstraßen sicherten. Im Kontrollzentrum des neuen, futuristisch gestylten Jupiter-Gebäudes bemühten sich die hohen Herren der europäischen Raumfahrt derweil um verbale Schadensbegrenzung. Die fehlgeschlagene erste Mission der Ariane 5 sei "nichts als ein Testflug" gewesen, erklärte Jean-Marie Luton, Generaldirektor der europäischen Raumfahrtagentur Esa: "Die Risiken waren allen Beteiligten bekannt." Weder die Trägerrakete noch deren Nutzlast - vier insgesamt 840 Millionen Mark teure Satelliten zur Erforschung des Sonnenwindes - konnten deshalb versichert werden. Den niedergeschlagenen Wissenschaftlern sprach Luton kühl sein "Mitgefühl" aus. "Klar, der Fehlschuß war eine Enttäuschung", wand sich Charles Bigot, Präsident der Satellitentransportgesellschaft Arianespace. "Aber das Leben geht weiter." Doch all die Schönrednerei konnte nicht über den dramatischen Rückschlag für das Ariane-Programm hinwegtäuschen. Zerplatzt ist mit der Ariane 5 vorerst die Hoffnung der erfolgverwöhnten Europäer, sich ihre bisherige Führung im heißumkämpften Satellitengeschäft bis ins nächste Jahrtausend zu sichern. Der Aufstieg der Arianespace zum Marktführer beim Transport kommerzieller Satelliten hatte ironischerweise gleichfalls mit einer Katastrophe begonnen. Nachdem die amerikanische Raumfähre Challenger im Januar 1986 kurz nach dem Start explodierte, war die US-Raumfahrt erst einmal lahmgelegt. Die geschockten Satellitenbetreiber suchten nach alternativen Trägersystemen. Geschickt füllten die Europäer mit ihrer Ariane die jählings entstandene Raketenlücke aus - und wurden so zur zivilen Raumfahrtsupermacht. Mehr als jeder zweite Erdbeobachtungs- und Kommunikationssatellit mit einem Gewicht von über einer Tonne wird inzwischen von einer Ariane 4 in den Orbit gestemmt. Wie vom Fließband hebt alle vier Wochen eine Rakete vom Abschußgelände Kourou ab. Von 40 gestarteten Ariane 4 stürzten nur 3 ins Meer. Nicht allein die hohe Sicherheit der Europaraketen, auch ihre Schubstärke sorgte für den wirtschaftlichen Höhenflug. In der Regel konnte die Ariane 4 jeweils mit einem Start gleich zwei Satelliten in eine geostationäre Umlaufbahn katapultieren, die Kosten sanken entsprechend. Doch neuerdings schrumpft der Vorsprung der Europäer rapide. Vollgestopft mit immer mehr Sende- und Empfangsrelais, werden die Fernmelde- und TV-Satelliten von Jahr zu Jahr schwerer. Das führt dazu, daß auch die Ariane 4 immer häufiger nur einen Satelliten huckepack nehmen kann. Billiganbieter aus dem Fernen Osten wittern deshalb ihre Chance. Die Chinesen beispielsweise versuchen mit Dumpingpreisen ihre - allerdings störanfällige - Großrakete Langer Marsch als Startvehikel anzubieten (siehe Grafik). Als größte Bedrohung empfinden die europäischen Raumfahrtmanager jedoch, daß sich ihre beiden gefährlichsten Gegner, die Russen und die Amerikaner, kürzlich miteinander verbündet haben. Unter dem Dach des Gemeinschaftsunternehmens International Launch Services sollen die amerikanische Atlas-Rakete und die russische Proton (eine entwaffnete Version der berüchtigten Mittelstreckenrakete SS-20) vermarktet werden. Wird nur ein Satellit transportiert, liegen die Startkosten weit unter denen der Ariane 4. Angesichts dieser Allianz setzten die bedrängten Europäer ihre Hoffnungen auf die Ariane 5. Die neu entwickelte Trägerrakete, derzeit die schubstärkste der Welt, sei "die dringend benötigte Vitaminspritze für die europäische Raumfahrtindustrie", schrieb das Fachblatt Flight International. Auch wenn das Durchschnittsgewicht der TV- und Fernmeldesatelliten demnächst auf über drei Tonnen ansteigt, könnte die Ariane 5 jeweils mit einem Flug zwei solche Trumms ins All tragen - und das noch, durch Einsatz modernster Technik, um zehn Prozent billiger als mit der Ariane 4. Auf dem Papier ist die Ariane 5, die ursprünglich als Träger für das europäische Raumvehikel Hermes, also für die bemannte Raumfahrt, vorgesehen war, noch zuverlässiger als das Vorgängermodell: Die kalkulierte Erfolgsquote liegt bei 98,5 Prozent. So selbstsicher gaben sich die Ariane-Manager vor dem Erstflug, daß sie ihren Zukunftskunden - erstmals in der Geschichte der kommerziellen Raumfahrt - für den Fall eines Fehlstarts einen kostenlosen Ersatzflug anboten. In ihrer Überheblichkeit nahmen die Europäer, ebenfalls unüblich, schon beim ersten Testflug wissenschaftliche Nutzlasten mit an Bord. Um so heftiger trifft die europäischen Himmelsstürmer nun der Image-Ab-sturz. Schon im nächsten Jahr wollten sie mit der Ariane 5 die ersten kommerziellen Satelliten ins All bringen. Doch nun werden erst einmal viele Monate bis zum nächsten Testflug vergehen. Eine Pannenserie hatte schon während der Startvorbereitungen dazu geführt, daß der Jungfernflug immer wieder verschoben werden mußte. Mal gab es ein Leck in der Wasserstoffleitung der Oberstufe (zwei Techniker starben), dann wieder platzte eine Hochdruckölleitung. Für 250 Millionen Mark mußte die Esa nachbessern. Das hat offenbar nicht gereicht. Was dann beim Erstflug der Ariane 5 schiefging, hatten die Esa-Ingenieure schon kurz nach dem Absturz weitgehend rekonstruiert. Der Start sei noch "ganz normal" verlaufen, planmäßig vollzog sich auch die "Rollbewegung" der Rakete um die Längsachse, berichtete mit monotoner Stimme und gesenktem Kopf Raymond Orye, bei der Esa für das Ariane-Programm verantwortlich. Desgleichen hätten die Triebwerke "wie erwartet funktioniert". Doch knapp 37 Sekunden nach dem Start registrierte der Bordcomputer plötzlich fehlerhafte Meßwerte über die Lage und den Kurs der Rakete. Ursache war entweder ein Kurzschluß in der Kreiselplattform oder ein Fehler im Steuercomputer, wobei der Reserve-Rechner offenbar gleichfalls irrte. Sofort versuchte der Computer die vermeintlich falsche Flugbahn zu korrigieren und schaltete mit einer blitzartigen Bewegung ("very fast movement") die schwenkbaren Triebwerksdüsen auf "Endausschlag". Ein solches Manöver ist eigentlich nur vorgesehen, um heftige Sturmböen auszugleichen. Extrem steil legte sich die Rakete in die Kurve. "Das ist so, als würde man bei Tempo 180 auf der Autobahn eine Kehrtwendung versuchen", erläutert ein Ingenieur des deutschen Raumfahrtunternehmens Dasa. "Wahnsinnskräfte" (so der Dasa-Mann) zerrten nun an dem Flugkörper. Drei Sekunden später brachen die leichtesten Strukturen der Rakete ab: die (in Deutschland gebaute) Oberstufe und die (in Frankreich gebaute) Gerätestufe mit dem Steuerungscomputer. Als der Sicherheitsingenieur auf seinem Radarschirm sah, daß Raketenteile von der Ariane 5 abrissen, leitete er 66 Sekunden nach dem Start die Selbstzerstörung ein. Ein ferngelenktes Sprengsystem schlitzte die Flüssigtreibstoff-Tanks der Länge nach auf, dann kam es zum großen Knall. Am Ende verlief wieder fast alles nach Plan. Gemächlich schwebten aus der Explosionswolke drei rot-weiß gestreifte Fallschirme erdwärts. An ihnen hätte eigentlich eine der ausgebrannten Feststoffraketen baumeln und unversehrt in den Atlantik plumpsen sollen. DER SPIEGEL 24/1996 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags